BRUCKNER – LA NEUVIEME

« dédiée au bon Dieu »

Anton Bruckner – Symphonie No. 9 en ré mineur

Dans la transcription géniale  pour orgue seul de Eberhard Klotz. Editée chez Merseburger

Wozu dienen Orgeltranskriptionen grosser sinfonischer Werke in der Gegenwart?
– Gedanken zu meiner Orgelbearbeitung zu Anton Bruckners 9. Sinfonie (Wien 1896).

Im 19. Jahrhundert und noch weit in das 20. Jahrhundert hinein dienten Orgelbearbeitungen in erster Linie dazu, ein (meist neues) grosses Orchesterwerk einem breiten Publikum bekannt zu machen. Tonaufnahmen gab es vorerst nicht, später waren sie selten, teuer und oft noch von schlechter Qualität. Gerade kleinere Städte hatten zudem keine eigenen Orchester – oder Sinfoniekonzerte. Hier war der städtische Organist derjenige, der die Werke auf der Orgel jedem musikalisch Interessierten zuerst zugänglich machte. Gerade im französischen und im angelsächsischen Raum, in welchem die Orgel traditionell weniger als kirchlich gebundenes, denn als freies Konzertinstrument des geblideten Bürgertums gesehen wurde, hatten solche Darbietungenen grösste Beliebtheit.

Heute könnte man einwerfen, dass die Orchesterwerke ja überall in den originalen Fassungen, von besten Orchestern interpretiert, leicht in guten Tonaufnahmen zugänglich sind; zudem gibt es heute viele Orchesterkonzerte gerade auch in kleineren Städten – oder das interessierte Publikum kann leicht zu den entsprechenden Aufführugsorten reisen.

Konzerte mit Orgelbearbeitungen grosser Orchesterwerke haben heute also eine ganz andere Bedeutung als früher: Sie beleben vor allem wieder die grosse Tradition der Orgelkonzerte des 19. Jahrhunderts, in denen, wie gesagt, Bearbeitungen eine wichtige Rolle spielten und lassen auf diese Weise eine grosse europäische und amerikanische Tradition nicht verlorengehen, die durch die Technisierung und Rationalisierung der Welt zu verschwinden droht. Zudem lassen sie für den Hörer einen neuen Blick, eine neue Deutung auf das Werk zu und vermitteln ihm so die Musik neu – ein Aspekt der mir vor allem bei schon unendlich oft im Original gespielten Repertoirewerken wichtig erscheint. Der Hörer gewinnt so neue Zugänge zum Werk, die Atmosphäre ist durch nur einen Interpreten ungleich kommunikativer und intimer, als dies bei Sinfoniekonzerten in grosser Besetzung der Fall ist. Aus diesem Grund hat etwa Arnold Schönberg Werke von Gustav Mahler für extrem reduzierte Besetzungen bearbeitet – um den Hörer wieder zu «zwingen», jenseits vom grossen Klangrausch, sich neu auf das Wertvolle der rein musikalischen Substanz zu konzentrieren.

In diesem Sinne ist auch meine Orgelfassung zu Anton Bruckners 9. Sinfonie zu verstehen: Sie möchte kein Ersatz für die Orchesterfassung sein, sondern ein neues für die Orgel und ihre klanglichen Möglichkeiten eigens geschierbenes Werk; sie möchte Musik vermitteln, neu und lebendig für das heutige Publikum erlebbar machen.

Zudem ist eine solche Aufführung natürlich auch ein rein virtuoses Erlebnis: Wie gelingt es einem einzigen Spieler, eine ganze Sinfonie, die sonst von über 100 Musikern gespielt wird, auf der Königin der Instrumente darzustellen, dem Instrument, welches Bruckner besonders geliebt hat und von dem aus alle seine Sinfonien konzipiert sind. So bleibt Bruckners Musik in dem Rahmen, in dem sie entstanden ist und führt uns wieder dem ursprünglichen Entstehungsprozess des Komponisten näher, eröffnet uns gleichsam einen neuen visionären geistigen Raum.

Eberhard Klotz

Critiques de concert :

Der Organist…hat die gewichtige Aufgabe, eine große Sinfonie am Spieltisch völlig alleine zu formen, und dies ist eines der eindrucksvollsten Erlebnisse an diesem Abend: Denn Thilo Muster wechselt nicht nur meisterhaft zwischen wuchtigen Klangsäulen und einem leichthändigen, lichten Figurenwerk – nein, hinzu kommt, dass ihm etwas gelingt, was eigentlich an der Orgel kaum möglich ist: Er formt einen beweglichen, ‘atmenden’ Ton, alles wirkt ausgesprochen organisch; fast sängerisch phrasiert er, nimmt alles unter eine flexible Atemsäule.

Thilo Muster stuft die Einzelstimmen teilweise nochmals in sich ab, und so hört man beispielsweise glitzernde Metallfäden, die sich zwischendurch vom klanglichen Gesamtbild lösen und das Werk somit sehr transparent halten. Überhaupt klingen gerade diese feinen Verästelungen wie ein System aus hauchdünnen Kapillaren – das ist schlicht meisterhaft.

Thilo Musters ‘sängerische’ Qualitäten, seine Fähigkeit, lange Bögen und Spannungslinien zu entwickeln – all das zeigt vor allem nochmals der dritte Satz.

Langanhaltender Beifall am Ende; ein würdiger Schluss des diesjährigen Orgelsommers.

(Lisez le texte intégral ici)

Christine Gehringer, PAMINA MAGAZIN

Als Klangdome, als riesenhafte Kathedrale in Tönen oder gar als in die Ewigkeit hinaustönende Musik werden sie häufig bezeichnet, die äußerst umfänglichen Sinfonien Anton Bruckners. Eine große romantische Orchesterbesetzung ist also eigentlich genau das Richtige für diese Musik, alles andere mag einem unangemessen erscheinen – bis auf eine Alternative: die Wiedergabe auf der Orgel.

So geschehen nun beim letzten Konzert des internationalen Orgelsommers in der evangelischen Stadtkirche, bei dem der aus Deutschland stammende, aber in der Schweiz ausgebildete und dort lebende Organist Thilo Muster Bruckners 9. Sinfonie in d-moll in einer Orgelfassung von Eberhard Klotz in kongenialer Weise interpretierte und dafür am Ende begeisterten Applaus erntete.

Der klangliche Reichtum der romantisch ausgelegten, großen Steinmeyer-Orgel, deren elektronische Registrieranlage zudem Rasche, der Musik gerecht werdende Klangfarbenwechsel ermöglicht, war dafür die ideale Voraussetzung. Interessant war gleichfalls die Bildübertragung des Orgelspieltischs mit Thilo Muster auf eine Art vor dem Altar postierte Leinwand. Einerseits wurde so eine direkterer Kontakt zwischen Auditorium und Solist hergestellt, anderseits lenkte die permanente Bildübertragung phasenweise aber auch von der Musik selbst ab. Hinzu kam eine geringe Latenz: der guten Zehntelsekunde, die der Klang von der zweiten Empore oben bis zum Zuhörer unten brauchte, eilten Musters auf der Leinwand in Echtzeit zu sehende Fingerbewegungen auf der Tastatur voraus.

Solcherlei Details stand jedoch Thilo Musters meisterhaftes Spiel mehr als gegenüber: Schon im feierlichen Misterioso des ersten Satzes ist unüberhörbar, dass die Orgel das Instrument ist, aus dem heraus Bruckners Sinfonien, erst recht seine Neunte, gedacht sind. Die sakrale Wirkung dieses Klangdomes ging mit dem Orgelklang somit eine glückliche Synthese ein.

Trotz der Schwierigkeit mit dem statischen Orgelklang organisch zu phrasieren, gelang Thilo Muster hier eine abwechslungsreiche Gestaltung hinsichtlich Dynamik und Klangfarben. Im Scherzo spielte er sauber artikulierend und gut durchhörbar; durch die Vermeidung großer Klanggebung an extrovertierten Stellen bewahrte Muster die geisterhaft-fahle Wirkung des Satzes. Das wahrhaft himmlisch lange Schlussadagio durchmaß er regelrecht zügig und machte den Satz somit für den Zuhörer leichter verständlich; mit der passenden Ausgestaltung der Höhepunkte sorgte er für zusätzliche Struktur. Ein meisterlicher Abschluss des Orgelsommers!

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